Darf ich mit Gott hadern?
Gebete sind eine Form um mit Gott in Kontakt zu treten. In der Kirche kennen wir viele Formen des Gebets - da geht`s oft um einen Dank, um Lob, wahrscheinlich noch öfter um Bitten. Egal wie stark kirchlich geprägt wir sind - bestimmte Gebete sind uns allen geläufig - so wie das "Vater unser". Das alles ist uns nicht fremd.
Warum lautet meine Eingangsfrage "Darf ich mit Gott hadern"? Ich habe mir bei der Vorbereitung zu diesen Zeilen das Evangelium von diesem Sonntag durchgelesen.
Ganz kurz zusammengefasst geht es darum, dass ein Gesetzeslehrer (Pharisäer) Jesus auf die Probe stellen möchte mit der Frage, welches das wichtigste Gesetz (der Tora) ist. Die Tora hat 613 Gebote und Verbote. Jesus antwortet anders als der Pharisäer vermutet. Jesus sagt, dass das wichtigste Gebot die Liebe zu Gott ist. Als Ergänzung fügt er ein zweites hinzu - die Nächstenliebe. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Das ist für Jesus der Kern aller Gesetze, der Kern des gesamten Glaubens.
Das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe fordert auch uns Christen ganz schön raus. Gott soll das Fundament unseres Lebens sein. Da ist es nicht abgetan mit der Pflichtübung am Sonntag für eine Stunde. Gott soll eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen.
Ich habe für mich einen Weg gefunden, Gott in mein Leben hineinzulassen. Ich spreche einfach mit ihm. Natürlich gibt es auch Zeiten, da ist er mir fern. Aber ich versuche im Alltäglichen Gott einen Platz zu geben. Das müssen nicht immer Gebete im klassischen Sinn sein. Ich kann morgens Gott danken, wenn ich einigermaßen gesund aufstehen kann. Ich kann ihm gegenüber meine Freude über die Schönheit der Natur zum Ausdruck bringen wenn ich mit dem Fahrrad am Inn entlang fahre. Ich finde es selbstverständlich, dass ich ihn um seinen Beistand bitten darf wenn eine Herausforderung vor mir liegt. Und ich hadere mit ihm! Denn einiges was auf der Welt und auch in meinem Leben passiert und seien es auch nur Kleinigkeiten verstehe ich einfach nicht.
So versuche ich Gott einen Platz in meinem Leben zu geben. Wir müssen darin nicht perfekt sein finde ich. Sicherlich wird es immer wieder Zeiten geben, wo wir Gott "vergessen". Es wäre aber schön, wenn wir es immer wieder aufs Neue versuchen.
Das mit der Nächstenliebe als zweites Gebot finde ich auch interessant. Jesus ist es so wichtig, dass den Gebeten auch Taten folgen. Unsere Nächsten sind der Prüfstein für unseren Glauben.
Caritas bedeutet übersetzt Nächstenliebe. Wie gehe ich persönlich mit meinen Mitmenschen um? Wie gehen wir als Gemeinschaft miteinander um? Wie treten wir denen gegenüber die unsere Hilfe als caritative Menschen brauchen?
Christliche Nächstenliebe bedeutet aber nicht sich selbst aufzuopfern.
Wir dürfen, ja sollen sogar auf uns selber schauen. Nur wer gut mit sich selbst umgeht kann auch gut mit anderen umgehen.
Vielleicht mögen Sie ja an diesem Wochenende versuchen, mit Gott in Kontakt zu treten. Das Schöne daran, er ist immer da. Er reagiert zwar manchmal anders als wir vermuten, aber er ist da. Probieren Sie einfach mal ihm zu danken, ihn zu bitten aber auch mit ihm zu hadern, wenn Ihnen danach ist. Es dürfen -aber müssen nicht immer altbekannte Gebete sein.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!
Christian Schacherbauer, Gemeindecaritas